In dem großen Mietshaus in der Lindenstraße wohnten über vierzig Menschen, doch kaum jemand kannte seine Nachbarn mit Namen. Man grüßte sich kurz im Treppenhaus, beschwerte sich gelegentlich über Lärm und verschwand dann schnell wieder hinter der eigenen Wohnungstür.
An einem eiskalten Freitagabend im Januar gingen plötzlich überall die Lichter aus. Die Heizung wurde still, die Kühlschränke hörten auf zu brummen, und auch das Internet funktionierte nicht mehr. Wie sich später herausstellte, war in der Nähe ein Kabel bei Bauarbeiten beschädigt worden.
Nach einer Stunde im Dunkeln klopfte die Studentin Paula aus dem Erdgeschoss an die Türen ihrer Nachbarn. Sie hatte einen Gaskocher und schlug vor, im Hof gemeinsam Tee zu kochen, damit niemand allein in einer kalten Wohnung sitzen musste. Zuerst kamen nur wenige, doch bald standen fast alle Bewohner draußen.
Herr Yilmaz aus dem zweiten Stock brachte Kerzen und Decken, die ältere Frau Lehmann holte einen Topf Suppe, die sie noch warm auf dem Herd gehabt hatte, und die Kinder der Familie Novak spielten mit Taschenlampen Verstecken. Jemand holte eine Gitarre, und bald sangen alle zusammen, auch wenn kaum jemand den Text kannte.
Während sie um den Kocher saßen, erzählten sich die Nachbarn Geschichten. Es stellte sich heraus, dass Herr Yilmaz Elektriker war, Frau Lehmann früher Deutsch unterrichtet hatte und Paula dringend jemanden suchte, der ihr bei ihrer Abschlussarbeit half. Am Ende des Abends waren mehrere Verabredungen getroffen worden.
Gegen Mitternacht ging der Strom endlich wieder an, und alle kehrten in ihre warmen Wohnungen zurück. Doch etwas hatte sich verändert. Seit jenem Abend gibt es eine Gruppe im Messenger, ein monatliches Hoffest und eine Liste, auf der jeder einträgt, wobei er den anderen helfen kann.